Nietzsche: Die Autarkie des Guten

Ihren Geltungsanspruch bezieht die Herrenmoral aus dem „typischen Charakterzug“ des Guten. Doch worin besteht dessen Unabhängigkeit und warum ist diese Zeichen für Überlegenheit?

Wodurch zeichnet sich ein derartiger Charakter aus?

Er ist spontan, impulsiv, aktiv, schaffend, positiv, authentisch, unabhängig, überlegen, aber hauptsächlich lässt sich die Autarkie des Guten 1. von seinem wertfreien Blick nach Außen sowie 2. von seinem Werte schaffenden Handeln von Innen heraus ableiten.

  1. Der Starke konstituiert sich unabhängig von irgend einem Äußeren. Er braucht kein Korrelativ, über das er seinen Wert erst ex negativo als „gut“ definiert. In der archaischen Aristokratie galt die Bezeichnung des Schlechten daher nicht als Ressentiment. Ursprünglich war der Fokus weniger auf einer negativen Wertung in Hinsicht auf ein Machtinteresse gerichtet, sondern war primär beschreibend und nicht polarisierend gemeint. Im Gegenteil würden die Begriffe eher Mitleid ausdrücken (vgl. GM S. 271f). Die  Wertung nach Außen hin schlägt sich  auch in unserer abwertenden Bezeichnung des „Gemeinen“ oder „Schlechten“ nieder, was etymologisch einfach als neutraler „Gegensatz zum Vornehmen“ (vgl. GM S. 262) unsymbolisch für „allgemein“ und „schlicht“ stehen sollte. Aufgrund der Wertfreiheit hat der Gute dem Ressentiment, das die Abgrenzung zu seinem Gegenteil sucht, – wobei die Wertung auch noch umgekehrt wird – eindeutig die Unabhängigkeit voraus. Er existiert selbstständig (esthlos = Einer, der ist / Realität hat). Das Ressentiment hingegen wertet „gut“, welches ihnen an Autarkie überlegen ist, zu „böse“ hin um. Es definiert sich in Abgrenzung zu einem Gegenteil und stellt sich so in den Schatten der Abhängigkeit.
  1. Für Nietzsche besteht außerdem ein direkter Zusammenhang zwischen „gut“ und „aktiv“, weil dem guten Charakter Aktion immanent ist. Diese wiederum ist als einzige verantwortlich dafür, ,echte‘ Werte zu schaffen, weil sie sich sich nicht von äußeren Umständen abhängig zu konstruieren versucht. Denn, diesem authentischen Handeln liegt absolute Lebensbejahung zu Grunde, die von der eruptiven Spontaneität des Guten Charakters ausgeht. Einleuchtend ist, dass Aktion Reaktion immer voraus geht und daher auch „triumphierendes Ja-Sagen“ (GM S. 270) über dem Nein-Sagen des Ausschließenden Ressentiments steht. So rechtfertigt Nietzsche, dass der Starke allein fähig ist, ,wahre‘ Werte zu schaffen. „Gut“ ist nicht bloß Voraussetzung dafür, ,wahre‘ Werte zu setzen, sondern auch Notwendigkeit. Es stünde dem „Guten“ nicht frei, sich zu äußern, sondern die Autarkie muss geäußert und darf nicht in ihrer Bewegung von Innen heraus unterdrückt werden aus Rücksicht auf ein Äußeres. (vgl. GM S. 279) Im Gegenteil, Stärke nicht zu äußern wäre ebenso Ressentiment, das ja gerade darüber hinweg zu täuschen versucht, indem es eine „radikale Umwertung“ anstrebt. Doch ist das Schlimme gerade, dass das Ressentiment seine Passivität als diejenigen, „welchen ,Güte‘ erwiesen wird“ (GM S. 259), fälschlicher Weise zu etwas Besserem erklärt, obwohl sie der Aktivität – welche die Güte erweist – von Vornherein unterlegen ist.
    Nicht eine irgendwie ,von Natur aus gegebene‘ ist nämlich die eigentliche Schwäche; sondern sich auf ihr auszuruhen. Noch schlimmer ist es, das Nicht-Können künstlich und fälschlich mit einem Nicht-Wollen zu selbsttäuschend zu rechtfertigen. (vgl. GM S.281) Man könnte sogar sagen, dass in dieser heimlichen Umwertung und der falschen Konstruktion von „böse“ die eigene Schwächung besteht: während sie ihre Eigenschaften zur „stillen abwartenden Tugend“ (GM S. 280) machen, verbergen sie so die Umwertung nicht nur, sondern verurteilen auch noch über die Täuschung hinweg Anderes. Letztendlich degradieren sie so allerdings die Möglichkeit, selbst Ausgangspunkt von Handlung zu werden.

Welche Bedeutung hat der Charakter für die Genese?

Grund für die Wichtigkeit des Charakters ist Nietzsches Moralbegriff als Genese. Dieser ist ein ,künstlicher‘ in dem Sinn, dass Moral abhängig vom guten Menschen existiert. Moral ist also ein Sein – aber ein als Prozess gedachtes Sein, auf welches jeder in Form seines Charakters Einfluss nehmen kann. Im veränderlichen Sein des Charakters liegt die Toleranz, dass es keine feste absolute Ordnung gibt. Die Moral kann und muss daher immer wieder neu entdeckt werden und darf nicht als „fixe Idee“ (GM S. 265) erstarren. Das wird eben dadurch möglich, dass, genauso wie die Verfälschung der Werturteile historisch als Genese betrachtet wird, auch die Weiterentwicklung des Charakters zum Guten hin als Prozess verstanden werden kann. Moral als Genese beinhaltet also neben dem negativ relativierenden Gang der Geschichte gleichzeitig die Möglichkeit eines positiven Prozesses auch für die, die sich nur noch nicht so verhalten. Der Charakter an sich ist auch in den Prozess der Genese eingebunden, weshalb die Unterscheidung zwischen „Gut“ und „Schlecht“ eine von gradueller Art ist, was Nietzsches filigrane mäandrierende Argumentationsstruktur widerspiegelt. Dass die Grundhaltung in jedem selbst Voraussetzung ist, bedeutet auch, dass jeder der moralisch Schlechteren die Möglichkeit hat zu einem moralisch Stärkeren zu werden. Aus der Art, wie die Menschen sind (werden), folgt demnach das Sollen bzw. entsteht die Geltung. Das Sein ist ein Prozess und das Sollen muss davon ausgehend gerechtfertigt oder eben relativiert werden. Daher konnte das Ressentiment es auch erst verfälschen.

Die Genese ist verantwortlich für die Geltung der Moral, doch weil jene sich durch das aktive Schaffen des guten Charakters allein konstituiert, findet dieser Prozess also auf individueller Ebene immer wieder in jedem selbst statt. Das Sein konstituiert das Sollen, kann aber an sich beeinflusst werden, da das Sollen nicht auf einer Naturordnung des Seins beruht, über die wir uns nicht hinwegsetzen können, sondern der Prozess ist in das Sein mit eingeschlossen. Dieses Sein muss nun jedoch das des guten Charakters sein, um das ,richtige‘ Sollen zu evozieren. Aber, wie oben beschrieben zieht das Sein, wenn dieses Sein gut ist, quasi automatisch auch die Aktion notwendig nach sich.

Autarkie des Guten?

Ist die Inkommensurabilität des Starken auch eine Schwäche? Selbstverständlich geht mit der Unvoreingenommenheit ohne wertenden Blick auf Äußeres zusätzlich zu „Vertrauen und Offenheit“ (GM S. 272) auch eine Naivität  einher, die ähnlich zur Tollkühnheit vor dem eigenen Risiko – welches zu vermeiden wäre – nicht zurückschreckt. Doch gerade in diesem Mut zur eigenen Verletzlichkeit, die die Autarkie auf ihr Äußerstes treibt, liegt die Fähigkeit zu echter Liebe (vgl. GM S. 273, Bsp.: „Liebe zu seinen Feinden“). So zeigt sich die Notwendigkeit zur völligen Autarkie in ihrem scheinbaren Schwachpunkt am stärksten.

Doch was passiert, wenn alle zu den „Guten“ zählen? Nichts, denn sie kennzeichnen sich eben dadurch aus, kein Negativ zu brauchen, um sich zu identifizieren. Denn damit würde man sich eben auf die Stufe des Ressentiments herabsetzen, die des Ausschließens. Die der Art des „guten“ Charakters sind in ihrer Existenz autark und nur nebenbei überlegen, obwohl der Komparativ „wem gegenüber überlegen?“ nicht mehr von Nöten ist, sondern nur relativierend. Gleichgültige Toleranz – und eben nicht Überheblichkeit – ist also wahre Stärke. Der von Grund auf Gute hat keinen Grund zur Absicht, jemandem gegenüber überlegen zu sein. Die daraus folgende Autarkie bekräftigt umso mehr, dass er es schlichtweg ist. Plakativ gesagt: noch stärker als „gut“ ist, kein „schlecht“ zu brauchen.

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