Leitfragen zur Sitzung am 24.10.2016: Platons Idee des Guten

  • Was versteht Platon unter der “Idee des Guten”? Mit was vergleicht er es?
  • In welchem Verhältnis stehen bei Platon Sein und Sollen (d.h. die Idee des Guten)?
  • Inwiefern ist nach Platon die Idee des Guten eine Ursache und für was ist sie Ursache?
  • Wie müsste man nach Platons Theorie das Schlechte/Böse verstehen?

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  • 1) Vieles Gute und vieles Schöne, sagt Platon, setzen wir als eine Idee des Guten. Dabei unterscheidet er das Gesehene von dem Gedachten und beschreibt den Weg zur Erkenntnis (vergleichend) als den Weg zum Licht.
    2) Das Seiende beschreibt Platon als das Bestehende und Vergehende. Und für den Übergang zum Sollen braucht es nach seiner Ansicht die Vernunft, als Idee des Guten.
    3) Die Idee des Guten setzt sich bei Platon zusammen aus dem, was dem Erkennbaren Wahrheit mitteilt und dem was dem Erkennenden das Vermögen (zu Erkennen) hergibt. Beides zusammen ist zwar Ursache von Erkenntnis und Wahrheit. Aber nur richtig denken führt zur Erkenntnis, als dem Schöneren von beidem.

    • Mir stellt sich bei Platon zusätzlich die Frage, welchen ontologischen Status das Böse und Schlechte (kakón) hat. Hier tut sich ein Dilemma auf:

      (a) Wenn es seiend ist, dann kann nur schwer die Idee des Guten seine Ursache sein.
      (b) Wenn es nicht seiend ist, dann ist es eine Illusion, was aber unserem Realitätsempfinden zutiefst widerspricht.

      Oder ist das Böse/Schlechte inder Welt in Art einer Asymptote bwz. unendlichen Anäherung an das Nichts zu denken?

      • Besonders deutlich wurde mir, dass der Weg zum Licht schmerzhaft ist und dass nicht wenige dieser konkreten Erkenntnis über die Erkenntnis zu fliehen suchen, weil das Gewohnte leichter zu ertragen ist. Man könnte zu der Auffassung kommen, dass er dort, wo er das mühsame aber vorbehaltlose Streben nach Erkenntnis, als die Idee, vom/des Guten idealisiert, er im Umkehrschluss die Erkenntnisverweigerung, oder Erkenntnisablehnung, oder Erkenntnisverdrängung, als die Idee vom/des Bösen typisiert.

        So, wie weiß, nicht das Gegenteil von schwarz ist, sondern nur nicht-schwarz, das Gegenteil, von schwarz ist.
        So sehe ich, in `gut sein´ eine Adäquatheitsbedingung, die bei Nichterfüllen, nur zur `nicht-Adäquatheit´ führt, nicht aber, zum `böse sein´.
        Grenzbedingung, ist hier für mich, die Feststellung dass jemand der sich an die Gesetze hält, den anderen Menschen, noch nichts gutes tut, sondern nur das Schlechte vermeidet.

        Das Böse ist mindestens unbestimmt, ich selbst finde, die Begriffswahl bereits problematisch, kann aber verstehen wenn das so nicht von jedem geteilt wird.

        Die Suche nach dem Bösen bleibt mindestens offen, denn eine Asymptote, oder ein iteratives Annähern, zum Nichts hin kann das Böse nicht sein, weil das Nichts, weder gut noch böse ist, sondern nur, nichts.

  • a) Heute in der wiederholenden Nachbetrachtung zu Platon, wurde in Zusammenhang vom obersten Sein (eigentlich ein Sollen/ Selbstevidenz), stufenweise nach unten, zu den niedrigeren oder niedereren Seins-Zuständen, der Begriff `Teleologie´ genannt (alles hat seinen Grund, oder alles hat seinen Zweck) und daraus die Suche, oder die Frage, nach der `Zweckhaftigkeit´ abgeleitet.
    b) An anderer Stelle fiel die Feststellung, dass das Böse/oder Schlechte, auch ein Sein haben müsste sonst gäbe es, das Böse/oder Schlechte ja nicht.
    c) “Krebs ist ja auch irgendwie seiend.” (O-Ton, Noller, 2016, mündl. überliefert)
    Die Frage die sich für mich stellt, wenn ich a) `die Zweckhaftigkeit´, mit b) & c) “Das Böse/oder Schlechte ist ja auch irgendwie seiend” abgleiche, lautet, inwiefern die Krebserkrankung eine Zweckhaftigkeit hat, oder überhaupt haben kann?
    Selbstverständlich lässt sich Krebs nach Ursache und Wirkung betrachten, erst Krebs, dann Krankheit oder Tod.
    Aber deshalb, widerstrebt es mir dennoch zu konstatieren, der Zweck des Krebses sei es bei Mensch, und Tier, Krankheit oder Tod herbeizuführen.
    Der Zweck einer Sache, ist für mich assoziiert, mit der Wünschbarkeit des Eintreffens dieses Zweckes und in diesem Sinne kann ich nur sehr schwer, die Folgen (Krankheit, oder Tod) einer Krebserkrankung, als die `Zweckhaftigkeit´ der Krebserkrankung annehmen.
    Dementsprechend hat Krebs für mich keinen Zweck (er scheint mir für nix gut zu sein), sondern nur, unangenehme gesundheitliche Folgen.

    • Ich gebe Ihnen Recht, der Krebs hat objektiv keinen Zweck. Dennoch ist er aber ein Teil unserer Wirklichkeit. Wenn die Wirklichkeit bzw. alles, was seiend ist, nach Platon seine Existenz der Idee des Guten zu verdanken hat, dann stellt sich die Frage, inwiefern der Krebs “gut” genannt werden kann bzw. wie seine Existenz mit Blick auf das Gute erklärt werden kann. Platon würde vermutlich antworten, dass Krankheiten, wie alles physische Übel, “weniger seiend” seien als das Gesunde oder einen “Mangel” (privatio/steresis) an Sein aufweisen. Wie aber ist ein solcher Mangel zu denken? Und ist nicht etwas auch dann, wenn es ihm an etwas Mangelt?

  • Vor dem Hintergrund, dass es die Intention Platons beim Verfassen seiner `politeia´ war, den perfekten Staat errichten/oder erschaffen zu wollen (nach Platon ist bezogen auf sein Staatsdenken, alles das gut, was einen bewahrenden, oder ordnenden Charakter hat), hätte ich vermutet, dass etwas schicksalhaft `Seiendes´ wie eine Krebserkrankung, dessen Bezug zum Staatswesen nicht unmittelbar ersichtlich ist, für Platon gar kein relevantes Anschauungsobjekt der Vernunftreflexion ist?
    => Ich muss aber dazu sagen, dass ich selbst von Platon bisher, nur sehr wenig im Original gelesen habe.
    Um mir dennoch, zumindest ein `näherungsweise´ urteilsfähiges Bild von der hier, im Raum stehenden Fragestellung machen zu können, habe ich erneut, auf die Ausführungen von Karl R. Popper “Die offene Gesellschaft, Bd. 1” zurückgegriffen:
    1. Der zum einen Sie vollkommen darin bestätigt, dass Platons Glaube an die Existenz eines vollkommenen und unveränderlichen Staates, sich gleichfalls, auch auf den Bereich, und die Welt `aller Dinge´ erstreckt und somit auch solche `seienden´ Dinge, die nicht unmittelbar zum Staatswesen dazu gehören, dennoch, mit Platons `Ideenlehre´ betrachtet werden können.
    2. Und der zum anderen mir einen möglichen Bezug dafür erläutert, damit ich es versuchen kann, an Ihre Frage: `Wie aber ist ein solcher Mangel zu denken?´, spekulativ anzuknüpfen.
    3. Mir scheinen vor dem Hintergrund von Platons `Ideenlehre´, gleich zwei verschiedene Wege, möglich, oder zumindest denkbar zu sein, um einen solchen Mangel (wie Krebs) als `seiend´ zu begreifen.
    3.1. Der erste dieser, beiden möglichen Wege, startet bei der Idee der guten Gesundheit und berücksichtigt dabei Platons Auffassung, dass Chaos, und völlig unkontrollierte Veränderung immer schicksalhaften Verfall bewirken, und daher, unbedingt aufgehalten werden müssen, um diesen drohenden Verfall zu verhindern.
    3.1.1. Auf diesem Wege komme ich zu der Feststellung, dass eine Krebserkrankung, in Anbetracht dessen dass sie zerstörerischen Zellverfall (Mutation) mit sich führt, immer die Frage aufwirft, inwiefern, das Achten auf eine gesunde Ernährung, ein allgemein eher gemäßigter Lebensstil und selbst diszipliniertes Sport treiben, oder zumindest, regelmäßige körperliche Bewegung, diesem möglicherweise sonst `schicksalhaft´ drohenden Zellverfall adäquat entgegenwirken können?
    3.1.2. Im Zentrum meiner Betrachtungen, stünde dann die `Idee der guten Gesundheit´ als eine mögliche `Idee des Guten´, die auf das Bewahren, und auf die Selbsterhaltung ausgerichtet ist. Und die `Idee des Bösen´, wäre dann in Opposition dazu repräsentiert, über die negativen Folgen einer ungezügelten Lebensweise, und über den individuell zurechenbaren, und somit, selbstverschuldeten Anteil an einer solchen `schicksalhaft´ erlittenen Krebserkrankung.
    3.1.3. Unverschuldete Krebserkrankungen von Individuen die gäbe es zwar dann auch, bspw. manifestiert, über ein bereits von Geburt an veranlagtes genetisches Defizit. Aber diese unverschuldete und somit völlig willkürlich, erlittene Krebserkrankung, läge dann außerhalb unseres verantwortlichen Handlungseinflusses (liegt nicht in unserer Macht), und sie käme, am ehesten `höherer Gewalt´ (heutiges Denken) gleich, oder einem `schicksalhaft´ gefällten `Gottesurteil´ (antikes Denken).
    3.1.4. Im letzteren, dieser beiden Gedankenwege (das gefällte Gottesurteil), pervertiert eine `schicksalhaft´ erlittene Krebserkrankung, sogar zu einer `Idee des Guten´, zumindest dann wenn man selbst an die theistische Auffassung glaubt, dass Gott, oder die Götter, immer nur gerecht urteilen würden.
    3.2.1. Auch der zweite denkbare Betrachtungsweg scheint mir in letzter Instanz, zur `Idee des Guten´ zu pervertieren, z. B. etwa dann, wenn man, das Bewahrende als das vollkommene und unwandelbar Gute ansieht.
    3.2.2. In diesem Fall kann die `schicksalhaft´ erlittene Krebserkrankung, eines konkreten Individuums, etwa dann etwas Gutes sein, wenn ein ungerechter, tyrannischer oder unerträglich grausamer Herrscher, diese Krebserkrankung erleidet und allein nur dadurch verursacht, sehr vorzeitig verstirbt, und wenn direkt an das vorzeitige Ableben dieses Tyrannen anschließend, die Amts- und Regierungsnachfolge zum einen völlig frei von Turbulenzen, ohne jedes Blutvergießen und ohne revolutionäre Umstürze, geklärt werden kann, und wenn der Neue, nun im Regierungsamt nachfolgende Herrscher gerecht gegenüber seine Untertanen, und bewahrend gegenüber dem Staat, sowie der bereits bestehenden (etablierten) Gesellschaftsordnung ist.
    3.2.3. In diesem Fall läge in so einer `schicksalhaften´ Krebserkrankung, dieses ungerechten, tyrannischen, und sehr grausamen Herrschers, sogar die Idee des Guten. Denn durch diese `schicksalhafte´, rein zufällig, und völlig willkürlich erzwungene, aber dennoch, sehr geordnet verlaufene Regierungsnachfolge, werden viele gute Folgen für das Gemeinwohl induziert.
    4.1. Fazit: Ich kann nicht beurteilen, wie stark der Schicksalscharakter von zufälligen Ereignissen, bei Platon der Maßstab seiner eigenen Werturteile ist. Aber wenn er die Möglichkeit `gerechter Gottesurteile´, selbst, der Idee des Guten zuordnen würde (was ich wie gesagt nicht weiß), dann könnte aus den guten Folgen für das Gemeinwohl, die aus dieser `schicksalhaften´, und individuell, sehr tragisch verlaufenen Erkrankung des verstorbenen Herrschers hervorgegangenen sind, ein guter (End-)Zweck, und somit vermutlich auch die `Zweckhaftigkeit´ dieses Ereignisses, überhaupt abgeleitet werden. Es könnten somit, viele gute Gründe dafür benannt werden, dass es `schicksalhaft´ so habe kommen müssen.
    4.2. In diesem speziellen Fall wäre die `schicksalhaft´ erlittene Krebserkrankung, des vorzeitig, und somit sehr gut verstorbenen, tyrannischen Herrschers, und über die daraus resultierenden guten Folgen für Alle (also für das Gemeinwohl) so scheint es mir, der `Idee des Guten´ viel näher, als einer `Idee des Bösen´.

    Bezugnahme zu Ihrer Frage: `Wie aber ist ein solcher Mangel zu denken?´
    5.1. Nun, allgemein gesprochen, ist dies vermutlich nicht universalistisch (allgemeingültig) möglich.
    5.2. Aber in konkreten und sehr spezifischen, Sonderfällen, wie dem des verstorbenen Tyrannen, kann ein individuell sehr bedeutsamer Mangel an Gesundheit, zu einem kollektiven, und sehr nutzbringenden Benefit für das Gemeinwohl führen.

  • Bei der Diskussion um die Begriffe des „Bösen“ und des „Schicksals“ in Zusammenhang mit dem „Sollen“ stellen sich mir viele Fragen – und noch wenige Antworten.
    Wenn eine absolute Normativität („Es soll so sein“, die „Idee des Guten“) am Anfang steht und die Welt teleologisch ausgerichtet ist, wie kommt es dann zur Kontingenz? Ist so eine Welt nicht deterministisch? Wie ist der freie Wille zu denken (als Voraussetzung für das Böse)? Zum Höhlengleichnis: Wer hat die Menschen in der Höhle gefesselt? Und wodurch kommt jemand zu dem Entschluss, die Fesseln zu lösen und auszubrechen?
    Um einen Mangel oder eine Unvollkommenheit festzustellen, muss ich ja eine Idee vom Vollständigen/Vollkommenen haben – wie komme ich zu dieser Idee, wenn mein Erkenntnisvermögen oder mein menschlicher Verstand doch mangelhaft ist?
    In Platos Höhle könnte man vielleicht auch eine Art Hölle sehen, solange der Weg zur Sonne sich nicht öffnet.
    Gibt es neben Prädestination und freiem Willen nicht auch noch Zufall/Schicksal (Tyché/Fortuna)?
    In einem anderen Seminar behandeln wir gerade die Frage von Freiheit und Notwendigkeit und lesen Texte von Boethius bis Leibniz.
    Boethius fragt sich zu Beginn seiner Consolatio philosophiae, womit er es verdient habe, im Gefängnis zu sitzen (Boethius war tatsächlich wegen angeblicher politischer Vergehen in Gefangenschaft). Hätte er anders handeln und dadurch seinem Schicksal entgehen können? Oder ist sein Leiden nicht einfach nur ungerecht und „böse“, ohne dass er dafür verantwortlich wäre?
    Das führt mich an dieser Stelle zur der hier entfachten Diskussion um Krebsleiden.
    Die Frage, inwieweit man durch seine Lebensweise Krebsleiden verhindern kann ist durchaus problematisch, hier spreche ich aus eigener ärztlicher Erfahrung (als Internist im Krankhaus). In der Konsequenz könnte das zum Beispiel heißen: Der Raucher ist selbst am Krebs Schuld, also zahlt die Solidargemeinschaft nicht mehr die medizinische Behandlung, oder wir behandeln ihn gar nicht erst. Ein Bsp. der aktuellen Rechtslage: Ein Alkoholiker mit Leberversagen muss mindestens 6 Monate abstinent sein, um für eine Lebertransplantation in Frage zu kommen. Die Gesellschaft, die die Behandlung zahlt (Krankenkassenbeiträge) könnte natürlich auf die individuelle Schuld des Trinkers pochen und ihn ganz von der Möglichkeit einer Transplantation ausschließen. Aber wo fängt die Kette an? Beim Vater, der ihn geschlagen hat, bei der Mutter, die auch schon Trinkerin war, bei der Werbeindustrie etc.?
    Dann wiederum wäre aber niemand für schuldfähig und eigenverantwortlich zu erklären.

    Schließen möchte ich den Kommentar mit zwei Buchempfehlungen, die mehr kulturgeschichtliche Beiträge sind, aber sehr gut zu lesen.

    Zur Dämonisierung von Krankheiten (Krebs, Tbc, HIV):
    Susan Sontag: Illness as Metaphor. New York 1977. AIDS and Its Metaphors. New York 1988. In dt. Übers.: Kranheit als Metapher. AIDS und seine Metaphern. 3. Auflage. Frankfurt a. M. 2002.

    Zum Thema des „Bösen“:
    Rüdiger Safranski: Das Böse oder das Drama der Freiheit. Frankfurt a. M. 1999.

    • Hinsichtlich des Begriffs des Bösen ist es wichtig, zwischen zwei Bedeutungen zu unterscheiden. Das “malum morale” (das moralisch Böse) und das “malum physicum” (das physische Übel). Eine Krebserkrankung fällt in jedem Fall unter das “malum physicum”, selbst wenn sie selbst verschuldet sein sollte – denn wohl niemand, der zurechenbar ist, möchte willentlich eine Krankheit bekommen, um der Gesellschaft zu schaden.

      Bei Platon wird jedoch nicht zwischen physischem und moralischem Bösen streng geschieden (dies tut erst Augustinus). Beide Arten des Bösen werden als Defekte des Seins aufgefasst. Deshalb sind für Platons Theorie des Guten beide Arten von mala ein Problem, denn sie laufen der teleologisch-guten Ordnung zuwider. Ob Platon so etwas wie Willensfreiheit im heutigen Sinne kennt, ist eine sehr schwierige Frage, über die sich die Forscher streiten. Wenn wir nur das malum physicum in den Blick nehmen (unabhängig von menschlicher Willensfreiheit), dann ist das pure Faktum von Krankheit etwas, das mit der Idee des Guten nur schwer zu vereinbaren ist. Platon geht hier wie gesagt so vor, dass er argumentiert, dass physische Übel “weniger seiend” sind als wohlgeordnete Zustände. Es handelt sich dabei also um eine Privationstheorie des Seins.

  • Zu den beiden Hinterfragungen des Höhlengleichnisses. “Wer hat die Menschen in der Höhle gefesselt?”; “Wodurch kommt jemand zu dem Entschluss, die Fesseln zu lösen und ausbrechen?”
    Ich fasse alle drei Gleichnisse als rein hypothetisch auf (rein nur zu Erläuterungszwecken konstruiert), und vor diesem Hintergrund, stellt sich mir die Frage “Wie kam es zu der Höhlensituation?” gar nicht, zumindest, so lange nicht, wie ich den Eindruck habe dass die Botschaften Platons durch diese Konstrukte bildhaft schlüssig erläutert werden. Diese drei Gleichnisse scheinen mir assoziiert (verknüpft) miteinander zu sein, dabei erklärt er uns, zuerst, durch sein `Sonnengleichnis´ warum das Streben nach Erkenntnis dem sonnenartigen Licht ähnlich ist (1/S508e), durch sein `Liniengleichnis´ präzisiert er, den Verstand (die Fertigkeit der Messkünstler) und erklärt ihn, als etwas dass zwischen der bloßen Vorstellung und Vernunfterkenntnis liegt (2/S511c), mit dem Höhlengleichnis schließt er seine Erkenntnistheorie ab, und erklärt uns hier, zum einen dass die Suche nach der Erkenntnis schmerzhaft ist (3a/S515e), und dass es, daher Gewöhnung braucht um das Licht zu sehen und aushalten zu können (3b/S516a), und zum anderen, teilt er uns hier mit, dass man das ganze Bild mit dem bereits früher Gesagten verbinden müsse (3c/S517b). In der Summe aus allen Dreien, postuliert er, das Höhlengleichnis als das Gesamtbild seiner Erkenntnistheorie, und zwar dann wenn es mit den Feststellungen, aus dem Sonnengleichnis, und dem Liniengleichnis verbunden wird.
    Durch die Verbindung dieser drei Gleichnisse, sind mir folgende Punkte deutlich geworden:
    1. Die Suche nach der Wahrheit (bestehend aus der Wahrheit des Erkennbaren, und der Wahrheit für das Vermögen des Erkennenden) ist dem Streben, nach dem sonnenartigen Licht ähnlich.
    Ich sehe hier eine Objekt- Subjektrelation, angelehnt an die Fragen: “Welche Wahrheit vermittelt mir, dieser Gegenstand meiner Betrachtung von sich heraus?”; “Und welche davon abweichenden Wahrheiten kann ich nur durch Gedankenkonstrukte (Vernunftreflexion, oder “Ideen”) erkennen, da dieses Objekt der Betrachtung sie mir, nicht aus sich, heraus mitteilt?”
    2. Um die dialektische Wissenschaft vom Seienden und Denkbaren zu schauen, müssen die Dinge nicht mit den Sinnen, sondern mit dem Verstande betrachtet werden, und dabei kommt es entscheidend darauf an bis zu den Anfängen zurückzugehen.
    Hier scheint er mir zu sagen, dass wenn man Dinge radikal neu denken will, dass man dann nicht von alten Voraussetzungen (bereits bestehenden Annahmen) ausgehen darf, sondern auch, das bereits seit langem Bewährte und allgemein Anerkannte hinterfragen muss.
    3. Das Streben nach Vernunfterkenntnis (O-Ton: die Suche nach dem Licht) schmerzt ganz schlimm in den Augen, und nötigt uns, das Streben nach Erkenntnis unter allen Umständen zu vermeiden (O-Ton: man sagt er sei mit verdorbenen Augen zurückgekommen, und man müsste daher, jedem der diese Fesseln nur lösen wollte und andere hinaufbringen, zuerst habhaft werden, und ihn dann umbringen), und er fordert daher, von uns ein, dass wir uns diesem Vermeidungsverhalten energisch widersetzen, denn das Hinaufsteigen und die Beschauung der oberen Dinge setzt er als Aufschwung der Seele in die Gegend der Erkenntnis, und nur so wird die `Idee des Guten´ erblickt, und wenn man diese Idee des Guten erblickt, dann erkennt man auch gleich dass sie die Ursache von allem Richtigen und Schönen ist. Mit der von Platon geforderten Verbindung dieser drei Gleichnisse, scheint er mir zu sagen:
    => “Vernunfterkenntnis lohnt sich (trotz all der Mühsal, oder Anstrengungen die dafür notwendig sind)!”
    Verzeichnis der Begründungszitate:
    1. Textstellenbezug S508e `Sonnengleichnis´ (Vernunfterkenntnis, als die Suche nach dem Licht)
    “Dieses also, was dem Erkennbaren Wahrheit mitteilt und dem Erkennenden das Vermögen hergibt, sage, sei die Idee des Guten; aber wie sie der Erkenntnis und und der Wahrheit, als welche erkannt wird, Ursache zwar ist, so wirst Du doch, so schön auch diese beiden sind, Erkenntnis und Wahrheit, doch nur, wenn du dir jenes als ein anderes und noch Schöneres als beide denkst, richtig denken. Erkenntnis aber und Wahrheit, so wie dort Licht und Gesicht für sonnenartig zu halten, zwar recht war, für die Sonne selbst aber nicht recht, so ist auch hier diese beiden für gutartig zu halten zwar recht, für das Gute selbst aber, gleichviel welches von beiden anzusehen, nicht recht, sondern noch höher ist Beschaffenheit des Guten zu schätzen.”
    2. Textstellenbezug S511c/d `Liniengleichnis´ (betrachtend zurückgehen bis zu den Anfängen)
    “Ich verstehe, sagt er, zwar noch nicht genau, denn du scheinst mir gar vielerlei zu sagen, doch aber, dass du bestimmen willst, was vermittelst der dialektischen Wissenschaft von dem Seienden und Denkbaren geschaut werde, sei sicherer, als was von den eigentlich so genannten Wissenschaften, deren Anfänge Voraussetzungen sind, welche dann mit dem Verstande und nicht mit den Sinnen betrachtet werden müssen. Weil sie aber ihre Betrachtung nicht so anstellen, dass sie bis zu den Anfängen zurückgehen, sondern nur von Annahmen aus, so scheinen sie dir keine Vernunfterkenntnis davon zu haben, obgleich, ginge man vom Anfang aus, sie ebenfalls erkennbar wären. Verstand aber scheinst du mir die Fertigkeit der Messkünstler und was dem ähnlich ist, zu nennen, als etwas zwischen der bloßen Vorstellung und der Vernunfterkenntnis zwischeninne liegendes.”
    3.a) Textstellenbezug S515e `Höhlengleichnis´ (die Suche nach dem Licht tut in den Augen weh)
    “Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen im imstande ist, fest überzeugt, dies sei gewisser als das Letztgezeigte?”
    3.b) Textstellenbezug S516a `Höhlengleichnis´ (es braucht Gewöhnung um in das Licht zu sehen)
    “Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der Menschen und der anderen Dinge im Wasser, und dann erst sie selbst. Und ebenso, was am Himmel ist und den Himmel selbst würde er am liebsten in der Nacht betrachten und in das Mond- und Sternenlicht sehen, als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht.”
    3.c) Textstellenbezug S517b `Höhlengleichnis´ (das ganze Bild ist mit dem früher Gesagten zu verbinden)
    “Dieses ganze Bild nun, sage ich, lieber Glaukon, musst du mit dem früher Gesagten verbinden, die durch das Gesicht uns erscheinende Region der Wohnung im Gefängnisse gleichsetzen und den Schein vom Feuer darin der Kraft der Sonne; und wenn du nun das Hinaufsteigen und die Beschauung der oberen Dinge setzest als den Aufschwung der Seele in die Gegend der Erkenntnis, so wird dir nicht entgehen, was mein Glaube ist, da du doch dieses zu wissen begehrst. Gott mag wissen, ob es richtig ist; was ich wenigstens sehe, das sehe ich so, dass zuletzt unter allem Erkennbaren und nur mit Mühe die Idee des Guten erblickt wird, wenn man sie aber erblickt hat, sie auch gleich dafür anerkannt wird, dass sie für alle die Ursache alles Richtigen und Schönen ist, im Sichtbaren das Licht und die Sonne, von der dieses abhängt, erzeugend, im Erkennbaren aber sie allein als Herrscherin Wahrheit und Vernunft hervorbringend, und dass also diese sehen muss, wer vernünftig handeln will, es sei nun in eigenen oder öffentlichen Angelegenheiten.”

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