Leitfragen zur Sitzung am 28.11.2016 – Kants “Factum der Vernunft”

  • Was versteht Kant unter einer “Kritik der praktischen Vernunft” (KpV)?
  • Was vermag das Vermögen der reinen praktischen Vernunft nach Kants “Kritik der praktischen Vernunft”?
  • Was versteht Kant unter einem “Factum der Vernunft” (vgl. V, 31)
  • Wie hängen nach Kant Sein und Sollen/Moralität miteinander zusammen?
  • Wie verhält sich Kants Moralphilosophie zu derjenigen Humes? Begeht Kant einen “Sein-Sollen-Fehlschluss”?

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  • Ich möchte mich, in diesem Kommentar ausschliesslich nur um die zweite Frage unter Punkt 5. kümmern, da ich vorab, spekulativ vermute, dass meine Ansicht u. U. polarisieren wird. => Und um eine womöglich später sich daran entzündende Debatte, fruchtvoller zu gestalten, versuche ich sowohl das Schliessen selbst, als auch die einzelnen Schrittfolgen meiner Begründung a) etwas ausführlicher, und v.a. b) möglichst präzise zu entfalten, damit, eine spätere Einigung, nicht allein nur an Wortstreitigkeiten und rein begrifflichen Missverständnissen (aneinandervorbeireden) scheitern würde.
    Es geht um den Unterschied zwischen Tatsache, und Wert! => Philosophisch ausgedrückt, heißt das dann, es kann aus einer Menge rein deklarativer Prämissen, keine normative Aussage `gültig´ geschlussfolgert werden (gültig steht hier, für das Zusamenspiel aus wahrem Aussageninhalt, und schlüssigem Schliessen, das bei reiner Deduktion bedeutet, dass die Prämissen und die Konklusion wahr sein müssen, und das in der Konklusion nichts enthalten ist, das nicht auch schon, in den Prämissen enthalten gewesen ist).
    Diese Frage (wie komme ich vom Sein aufs Sollen?) beschäftigt die Philosophie schon seit der Antike, vor David Hume etwa, wurde von den Scholastikern, der `Sinn´ zwischen Tatsache und Wert geschoben.
    1. Jeder Schluss der einen Übergang vom Sein zum Sollen behauptet, ist ein Sein-Sollens-Schluss.
    2. Das `Humesche Gesetz´ (oder Humesches Prinzip) ist ein möglicher, und dokumentierter Fall (der nach David Hume) aus einer Gesamtmenge, unendlich vieler denkbar möglicher Sein-Sollens-Schlüsse.
    3. Das Humesche Gesetz besagt, dass keine normative Forderung, aus einer Konklusion hervorgehen kann, wenn nicht bereits in den Prämissen eine normative Aussage drin war.
    4. Als Muster- oder Standardbeispiel zur Erläuterung dieses `Humeschen Gesetzes´, durch, die etablierte Einführungsliteratur, wird zumeist das Epikureische Argument für Hedonismus angeführt.
    4.1. “Lust ist gut, da alle Menschen danach trachten.”
    => Dieses Argument ist unvollständig. Es muss lauten:
    4.2.a. “Alle Menschen trachten nach Lust.”
    4.2.b. “Wonach alle Menschen trachten ist gut”
    => “Lust ist gut”
    Im Schluss ist eine deontische (wertende) Folgerung enthalten, “Lust ist gut”, von diesen beiden Prämissen, ist in der ersten zwar nur eine deklarative Feststellung enthalten (rein deskriptiv), aber, in der zweiten dieser beiden Prämissen, steckt bereits eine normative Aussage drin! => “Das wonach alle Menschen trachten ist gut.”, und damit ist das Argument vollständig, und daher kein Beispiel für das `Humesche Gesetz´ (Humes Gesetz ist in dem zweiten, also dem `zwei Prämissenargument´ nicht verletzt, aber, in dem `unvollständigen Argument´ davor hingegen schon).
    Zusammenfassung: `Humes Gesetz´ kennt zwei Urteilsmerkmale für den Sein-Sollens-Schluss
    a) Wenn in den Prämissen, keine einzige normative Aussage enthalten ist, dann kann auch aus der daraus geschlussfolgerten Konklusion, keine normative Forderung geltend gemacht werden (kein Weg vom Sein aufs Sollen).
    b) Wenn in einer der Prämissen, mindestens, eine normative Aussage enthalten ist, dann kann auch aus der daraus geschlussfolgerten Konklusion, eine normative Forderung `begründet´ geltend gemacht werden (der Weg vom Sein aufs Sollen ist also frei! ; The gap between `is´ and `ought´ is successfully bridged!).
    5.1. Der naturalistische Schluss ist ein Sein-Sollens-Schluss, und dieser, schlägt nach G.E. Moore fehl.
    5.2. Der naturalistische Schluss ist aber nicht `Humes Gesetz´, sondern, er ist ein nichthumeanischer Sein-Sollens-Schluss, d.h. er ist nicht nur nach G.E. Moore ein Sein-Sollens-Fehlschluss, sondern, auch, nach David Hume!
    Warum ist das so? => Dafür müssen wir in die Begründung von G.E. Moore hineingehen. => Bisher haben wir: a) `Humes Gesetz´ ist ein Sein-Sollens-Schluss, und b) der `naturalistische Schluss´ wäre zwar auch ein Sein-Sollens-Schluss, ist aber nach G.E. Moore, ein Sein-Sollens-Fehlschluss (q.e.d.).

    6. Was tut eine naturalistische Ethik? => Sie setzt bestimmte (für gut) `proklamierte Eigenschaften´ mit dem Guten `an sich´ gleich:
    6.1. bei den Hedonisten ist das die Lust;
    6.2. bei den Peripatetikern ist das die Eudaimonie;
    6.3. bei den Utilitaristen ist das das größte Glück für die größe Zahl;
    6.4. bei den Kantianern ist das der Gute Wille, als oberste Maxime meines Handelns, die Achtung vor dem Gesetz in mir, und aus Pflicht zu handeln.
    => Alles das sind naturalistische (Fehl-)Schlüsse, wobei G.E. Moore, in seiner Argumentation unterscheidet, zwischen den naturalistischen Fehlschlüssen, in naturalistischen Ethiken (Kap. 2.), und den naturalistischen Fehlschlüssen, in metaphysischen Ethiken (Kap.4.).
    7.1. Wird David Hume in Kapitel 2 erwähnt? => Nein! => Es wäre auch unbegründet, da er nichts, also keine einzelne, oder gar Menge von Eigenschaften (als gut) proklamiert, die er mit dem Guten `an sich´ (mit der Sache) gleichsetzen will. => David Hume kümmert sich ausschliesslich nur, um Zwischenmenschliches das gut ist, aber das Gute `an sich´, lässt ihn völlig kalt! => Wenn es dem gesellschaftlichen, angenehmen, friedfertigen, und v.a. sozialen miteinander Zusammenleben nicht unmittelbar dient, dann ist es zu nix nütze. => Apriori-Argumentationen sind für David Hume ein Ausschlusskriterium, und reiner Dogmatismus, ganz egal, ob theologisch motivierter Dogmatismus, oder nicht theologisch motivierter Dogmatismus!
    => David Hume ist 60 Jahre vor Wilhelm von Humboldt, der erste waschechte Humanist!
    7.2. Wird Immanuel Kant in Kap. 4. erwähnt? => Ja! => Nach der Kriterienfestlegung von G.E Moore, selbst, kann das auch `gültig´ (wahr und schlüssig) begründet werden, zumindest dann, wenn und soweit man, den sehr speziellen Kriterien von G.E. Moore beipflichtet.
    8. Heißt das jetzt, das David Hume den naturalistischen Fehlschluss nicht begangen hat, aber Immanuel Kant hingegen schon?
    8.1. Das David Hume den naturalistischen Fehlschluss nicht begangen hat, ist sehr sicher! => Weil er nix was sozial, und intersubjektiv nützlich, angenehm, und gut sein könnte, mit dem Guten `an sich´ gleichsetzt!
    8.2. Das Immanuel Kant den naturalistischen Fehlschluss begangen hat, ist hingegen nicht sicher! => Denn der von G.E. Moore `ausgerufene´, naturalistische Fehlschluss könnte seinerseits, selbst ein Fehlschluss sein, etwa dann wenn man Moores Kriterienfestlegung ablehnt, und für völlig unbegründet hält!
    9. Wenn der naturalistische Fehlschluss von Moore, mit `Humes Gesetz´ nix zu tun hat, sondern ein davon abweichender Sein-Sollens-Schluss ist, wie geht es dann mit `Humes Gesetz´ weiter?
    9.1. Als erstes würde man John Searle entgegenhalten, dass er seine Leser mit dem Aufsatz “How to derive `ought´ from `is´? zum Narren hält, da ein Analogon, zu David Hume, auf den er dieses `is-ought´-Problem zwar zurückführt, aber um den er sich in diesem Aufsatz dennoch nicht kümmert, ein solches Analogon zu David Hume, müsste lauten: “How to deduct `ought´ from `is´?
    9.1.1. Wenn man unter deduzieren strenges Ableiten versteht, d.h. in der Konklusion ist nix, was nicht auch in den Prämissen schon drin war, und unter `derive´ weiches, tolerantes Ableiten, dann hat er David Hume bestätigt.
    9.1.2. Wenn man `deduct´ und `derive´ in Ableitungsfragen gleichsetzt, dann hat er durch die konstituierten Regeln (Versprechen von Geld = 5 Dollar Schulden; und Foulen beim Fussball = gelbe Karte), die normative Aussage in die konstituierten Regeln verpackt, damit ist seine Aussage die Prämissen seinen rein deskriptiv widerlegt, dementsprechend verstößt er zwar nicht, aber er überlistet auch nicht `Humes Gesetz´, sondern `Humes Gesetz´ ist nicht berührt.
    9.2. Als zweites würde man Philippa Foot entgegenhalten, dass ihre These “Humes Gesetz sei noch gar nicht bewiesen worden” falsch ist, Humes Gesetz wird praktisch jeden Tag aufs neue bewiesen, durch die vielen unsinnigen Gegenbeispiele, die zwar irgendwelche `Sein-Sollens-Schlüsse´ sind, aber mit `Humes Gesetz´ nix zu tun haben.
    => `Humes Gesetz´ kennt nur einen Wahrheitswert, auf der Wahrheitstafel, und der lautet: von normativen Prämisse, auf eine normative Konklusionschliessen = gültig (wahr);
    10. Weitere gescheiterte Einwände gegen `Humes Gesetz´?
    10.1. A.N. Prior “Ein Seekapitän hat bestimmte Pflichten” (die Normativität liegt in der Pflicht)
    10.2. A. McIntyre “Eine gute Uhr geht nicht nach” (die Normativität geht aus `gut´ klar hervor)
    10.3. Thomas von Aquin “Zwischen Sein und Sollen, liegt der Sinn” (offensichtlich ist dieser Sinn, normativ, sonst wäre die Sein-Sollens-Aussage einfach nur falsch)

    Persönliche Bewertung (rein subjektive Meinung):
    A. Der ethische Naturalismus konnte `Humes Gesetz´ nicht widerlegen.
    B. Alle bisherigen Versuche machen versteckte normative Aussagen und überzeugen nicht.
    C. Der ethische Naturalismus bietet keine Grundlage für eine wissenschaftliche Ethik.

  • In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, dass R.M. Hare, der mit dem Rückgriff auf sein Beispiel behauptet es würde Humes Gesetz zutreffend visualisieren, und auch verständlich erläutern, dass dieser R.M. Hare, damit David Hume bereits fehlerhaft auslegt (missinterpretiert). Zur Erläuterung meiner These, nehme ich ein echtes Beispiel von David Hume (das epikureische für Hedonismus), stelle dem das Beispiel von R.M. Hare gegenüber, nehme dabei die Situation von R.M. Hare auf (Auf der Erde hungern viele Menschen), und wandle sein Beispiel in einen eigenen Sein-Sollens-Schluss ab, der `Humes Gesetz´ (mit dieser Situation von R.M. Hare) zutreffend darstellt. Direkt an diesen Beispielsvergleich (an das vollständige Argument) angeschlossen, beleuchte, und diskutiere ich noch kurz die Legitimationsnotwendigkeiten, die aus dem von mir, nach David Hume `gültig´ postulierten Sein-Sollens-Schluss, überhaupt erst einen legitimierten (O-Ton.: zugebilligten) Imperativ macht (mit verpflichtender Bindungswirkung, für das eigene Handeln, zum Zwecke der Sittlichkeit).

    1. Beispiel: David Hume im Original.
    1.1. „Alle Menschen trachten nach Lust.“
    1.2. „Wonach alle Menschen trachten ist gut.“
    => Hume schliesst: „Lust ist gut“

    2. Beispiel: R.M. Hare im Original
    2.1. “Auf der Erde hungern viele Menschen.”
    2.2. “Jeder Mensch hat eine unantastbare Würde, die Hunger verbietet.”
    => Hare schliesst: “Wir müssen also diesen Menschen helfen.”

    3. Beispiel: Eigene Zusammenführung von 1. Hume, und 2. Hare, zum Zwecke der zutreffenden Darstellung von `Humes Gesetz´
    3.1. “Auf der Erde hungern (derzeit) viele Menschen.”
    3.2. “Immer wenn viele Menschen hungern ist das schlecht.”
    => Ich schliesse: “Dass jetzt viele Menschen auf der Erde, hungern müssen, ist schlecht.”

    4.1. Die klarformulierte `Normativitaet´ unter 3.2., muss noch zubilligbar begründet werden.
    4.2. Die unklarformulierte `Normativitaet´ unter 2.2. (Warum bedeutet die Würde des Menschen, dass man den Hunger verbieten muss?) kann nicht zubilligbar begründet werden, sie führt in einen infiniten Regress.

    5. “Immer wenn viele Menschen auf der Erde hungern ist das schlecht.” ; und zwar weil:
    5.1. “Weil es uns ans Herz rührt, und unser Mitgefühl weckt, wenn andere Menschen hungern müssen.”
    5.2. “Weil der Menschen ein soziales Wesen ist, und als solches, auch eine soziale Verantwortung für diese hungernden Menschen trägt.”
    5.3. “Weil es grausam ist Menschen hungern zu lassen, wenn zwar eigentlich für alle genug da wäre, aber die Armen, sich das eigene Essen nicht leisten können.”
    5.4. “Weil menschenverachtender Hunger laut der UN bereits, ab dem dauerhaften Unterschreiten von 1400kcal pro Tag vorliegt, und daraufhin untätig zu bleiben, einen groben Verstoss gegen die `Universellen Menschenrechte´ darstellt.”
    => Gründe zu helfen gibt es mehr als genug, und untätig zu bleiben, ist daher unsittlich.

    Quelle: Thomas Pogge “Weltarmut und Menschenrechte”
    => Das untätige Hinnehmen, von weniger als 1400kcal pro Tag für die Ärmsten, ist ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und es bedeutet, für die davon betroffenen Personen, mittelfristig zu verhungern.
    https://www.youtube.com/watch?v=RF-91wrUIHI

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