Hume: Gefühl und Vernunft

„Der Unterschied zwischen Gefühl und Vernunft im Einfluss bzgl. moralischer Beurteilung, Begründung und Motivation“

Viele beschäftigen sich mit der Frage „Was ist gut?“, andere mit der Frage „Was ist schlecht?“. Philosophen, die das tun, betrachten verschiedene Gegenstände und versuchen, anhand von vorher festgelegten Kriterien, diesen Gegenständen einen moralischen Wert zuzuordnen. Mein in diesem Essay behandelter Autor David Hume beschäftigt sich aber mit der Frage, zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Antrieb heraus wir Menschen, moralische Unterscheidungen treffen. Also weshalb wir bei der Betrachtung eines bestimmten Gegenstandes oder einer bestimmten Handlung, behaupten, diese(r) sei gut oder schlecht. Etwa aus der Vernunft heraus, wie Kant es argumentiert oder aus dem Gefühl heraus, wie Hume es in den „Treatise of Human Nature“ versucht. Die Grundthese, die ich beleuchten werde, lautet: Tugend und Laster unterscheiden wir nicht aufgrund unserer Vernunft, sondern aufgrund unseres Gefühls.

Hume definiert nicht explizit Tugend und Laster, dennoch möchte ich kurz erklären, in welchen Kontext er sittlich Gutes und Schlechtes setzt. Die Unterscheidung durch unser Gefühl besteht darin, dass wir ein moralisches Lust- bzw. Unlust- Gefühl empfinden. Allein durch diese Lust oder Unlust wird Tugend und Laster bestimmt. Kann ich nun behaupten, dass ich etwas Gutes tue sobald ich Lust empfinde? Nein, denn hier trifft Hume Unterscheidung zwischen moralischem und persönlichem Gefühl. Wenn z.B. ein Serienkiller jemanden ermordet, und dabei Lust empfindet, so liegt das daran, dass sein sittliches Gefühl, möglicherweise durch sein persönliches unterdrückt oder der Übergang für ihn nicht mehr klar ersichtlich ist. „Es ist wahr, daß die Gefühle des sittlichen und des persönlichen Interesses leicht verwechselt werden und naturgemäß ineinander übergehen.“[1] Problematisch daran scheint, dass wenige eine klare Sicht auf ihr moralisches Gefühl haben und somit eine sichere Zuordnung von Gut und Böse nicht möglich ist.

 

Ein grundlegender Gedanke Humes ist, „dass dem Geist nie etwas anderes gegenwärtig ist, als seine Perzeptionen.“[2] Er trifft eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen „Eindrücken“ und „Vorstellungen“, die zwei Potenzial-Bereiche unseres Geistes.

„Diejenigen Perzeptionen, welche mit größter Stärke und Heftigkeit auftreten, nennen wir Eindrücke. Unter diesem Namen fasse ich alle unsere Sinnesempfindungen, Affekte und Gefühlserregungen, so wie sie bei ihrem erstmaligen Auftreten in der Seele sich darstellen, zusammen. Unter Vorstellungen dagegen verstehe ich die schwachen Abbilder derselben, wie sie in unser Denken und Urteilen eingehen[…]“[3]

Er macht hier ersichtlich, dass Eindrücke für unseren Geist ein erstes Aufkommen von Erfahrungen sind, wiederum Vorstellungen an solche Erfahrungen „nur“ Erinnerungen sind. Ebenso wird hier auch ein erster Unterschied zwischen dem Gefühl und der Vernunft vorgenommen.

Hume behauptet, Vernunft sei passiv. Sie habe keinen Einfluss auf unsere Affekte und Handlungen und sie könne sie weder verhindern noch hervorrufen.[4] Das Gefühl hat nicht nur genau diesen Einfluss, es ist auch noch in der Lage moralische Beurteilungen, Bewertungen und Entscheidungen zu motivieren. D.h. es bestimmt wie ich Handlungen anderer Personen betrachte, es hat aber auch auf mein eigenes Handeln einen Einfluss.

Die Vernunft erbringt nur einen Erkenntnisgewinn durch das Schließen aus Tatsachen („matters of fact“) oder durch das Vergleichen von Vorstellungen („realtion of ideas“)[5]. Würde es sich bei sittlich Gutem und Schlechtem um ewig gültige Tatsachen handeln – hätten wir also über die letzten 2000 Jahre überall auf der Welt den selben Begriff von „gut“, könnten wir dies durch die Vernunft erkennen. Wären moralische Werte durch Beziehungen in den Gegenständen festgelegt[6], könnten wir diese durch die Vernunft erkennen. Da das aber nicht der Fall ist, ist die Vernunft nicht Erkenntnisgrund der Moral.

Das Gefühl motiviert nach Hume Sittlichkeit. Es bestimmt, ob ich eine Situation für gut oder schlecht bewerte. Betrachte ich eine Tat, so löst sie ein Lust oder Unlustgefühl aus[7], daraufhin schreibe ich dieser Tat wiederum einen moralischen Wert zu. Auf den Akt des Wertzuschreibens (welcher als Handlung gesehen werden kann) folgt ein Urteil. Somit ist sind Urteile Wirkungen unserer Handlungen.[8] Und Handlungen sind Folge unserer Affekte.

 

Hume verdeutlicht in seinen Treatise mit Nachdruck die non-kognitivistische Ansicht, dass die Vernunft keinerlei Einfluss auf die Sittlichkeit hat. Das von ihm geschaffene System bietet an vielen Stellen die Möglichkeit, anhand von Beispielen, die Stärke seiner Aussagen zu testen, was für eigene Gedankenspielerein sehr produktiv sein kann. Über die Rolle der „Urteile“ erstreckt sich für solche Zwecke ein interessantes Spektrum, ebenso aber über den z.B. noch nicht besprochenen Bereich von „Wahrheit und Irrtum“.

 

[1] David Hume: Ein Traktat über die menschliche Natur. Hamburg: Meiner-Verlag, 2013, S. 214

[2] Hume 2013, S. 196

[3] Hume 2013, S. 12

[4] Hume 2013, S. 198

[5] http://www.wikiseminar.net/sitzungsprotokoll-4-sitzung-07-11-16-david-humes-sein-sollen-fehlschluss

[6] Hier verweise ich auf das Elternmordbeispiel bei Hume 2013, S. 208 f.

[7] Hume 2013, S. 203

[8] Hume 2013, S .201

Kommentare

Dieser Beitrag hat momentan 2 Kommentare

  • Sehr gut gelungener Artikel, der die wichtigsten Begriffe mit dazugehörigem Kontext verständlich, knapp und gut gegliedert wiedergibt. Die doch sehr expliziten Definitionen von „Lust“ und „Unlust“, die „Tugend“ und „Laster“ bestimmen, werden im zweiten Absatz deutlich und Zielorientiert hervorgebracht. Das Zitat beleuchtet die Unterscheidung zwischen „Eindrücken“ und „Vorstellungen“ und führt Humes Behauptung, dass Vernunft passiv sei sehr gut ein.
    Ich selbst versuche derzeit ein konkretes Hausarbeitsthema zu finden, welches sich an Humes Moral- und Erkenntnistheorie orientieren soll. Der Artikel war für mich ein gelungener Ausflug zurück in die Gedankenwelt von David Hume und ein mehr als guter Start für den Beginn meiner Arbeit.
    Vielen Dank!

  • Der Artikel stellt Humes Vernunftkritik sehr klar dar und auch die systematische Differenzierung im Gefühl gefällt mir gut.

    Interessant fände ich allerdings noch die Verbindung von dem privaten und moralischen Gefühl mit der Urteilsfindung. Wie können wir die beiden trennen bzw. was für unterschiedliche Auswirkungen haben sie auf unser Handeln? Auch wenn Hume hier die Schwierigkeit erkennt, ist dies doch sehr elementar für die Rechtfertigung des Gefühls als moralische Instanz.

    Die Themenwahl finde ich jedoch sehr aktuell, weil das Gefühl immer vernachlässigt wird, obwohl ihm intuitiv so viel Bedeutung zukommt.

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