Protokoll 2. Sitzung: Platons Idee des Guten

Die zweite Sitzung des Seminars wurde Platon und seiner „Idee des Guten“ gewidmet. Zentral für das Thema ist das Verständnis von Platons Begriff der Idee. Für Platon ist die Idee einer Sache ihr Ideal. Das hat zur Folge, dass sie empirisch nicht nachweisbar ist. Eine Idee ist in dieser Hinsicht „abstrakt“; man kann man nämlich nicht fühlen oder sehen. Doch bedeutet „abstrakt“ hier nicht, dass die Idee (wie eine Vorstellung) von den konkreten Dingen „abgezogen“ ist und ihr nachfolgt. Vielmehr geht die Idee den jeweils unter die Fallenden konkreten Dingen voraus. Für Platon ist die Idee einer Sache ihre Definition oder ihr Begriff. Als Beispiel diente dafür in der Sitzung die Idee eines Baumes. Ein Jeder hat eine Idee eines Baumes. Diese Idee ist ein „Bild“, welches man in seinen Gedanken hat. Aus diesem „Bild“ kann man eine Definition eines Typus in Worte fassen. Für einen Baum gelten Stamm, Äste und Wurzeln als definierende Wesensmerkmale. Anhand dieses Bildes erkennt man in der Natur weitere Gegenstände diesen Kernmerkmalen als dem Typus Baum zugehörig an. Diese Merkmale sind generell und bestimmen einen konkreten Baum nicht bis in das letzte Detail. Es spielt zum Beispiel keine Rolle, welche Blattform der Baum trägt. Denn wir ordnen Gegenstände mit unterschiedlicher Blattform gleichermaßen dem Typus „Baum“ zu. Diese zuvor benannten Merkmale Stamm, Äste und Wurzeln stellen somit die Essenz und das Wesen des Typus Baum dar. Diese Einheit der abstrakten Begriffsmerkmale ist der Maßstab, mit dem es uns möglich ist, sinnlich Erfasstes einem Typus zu zuordnen. Der Maßstab eines Typus steht bei Platon auch gleichzeitig für die Idee eines Typus. Platon erkennt nur die „Ideen“ als wirklich Seiend an, denn die Ideen stehen vor dem sinnlich Erfassbaren. Denn unsere sinnliche Wahrnehmung stellt immer einen Bezug zu einem Konzept her, welches vor der Empirie steht. Konkrete Dinge sind insofern nur „Abbilder“ der reinen Idee.

Dieses Konzept der Idee zeigt Platon in seinem Sonnengleichnis auf. In seinem Sonnengleichnis steht die Sonne für die Idee des Guten. Von der Sonne geht Licht aus. Das Licht ist Bedingung für die Möglichkeit, etwas mit den Augen zu sehen, also auch zu erkennen. Die Sonne ist somit Bedingung für die Erkenntnis, sowie die Idee Bedingung für Erkennbarkeit der Dinge ist. So wie die Sonne den Menschen in die Lage versetzt, etwas zu erkennen, setzt auch die Idee des Guten ein Subjekt in die Lage ein Objekt durch die anderen Ideen zu erkennen. Die Sonne ist also der Erkenntnisgrund des zu erkennenden Objekts. Die Sonne ist aber auch der Seinsgrund für den zu erkennenden Gegenstand, da dieser die Energie der Sonnenstrahlen benötigt, um zu entstehen (zumindest im Falle von Lebewesen). Genauso ist auch nach Platon die Idee zugleich Erkenntnisgrund und Seinsgrund der Dinge in der Welt. Daraus folgt, dass der Mensch nicht Typisierungen nach der empirischen Erfahrung von Dingen anstellt. Diese Theorie nennt man den Empirismus, dessen bekanntester Vertreter Hume ist. Platon steht für die gegensätzliche Theorie des Rationalismus. Kern dieser Theorie ist die Annahme, dass der Mensch die Ideen aller Dinge vor der Geburt „geschaut“ hat und sich in dieser Welt, in der wir uns nun befinden, wieder dieser Ideen erinnern muss. Dies ist die sogenannte „anamnesis“-Theorie (Wiedererinnerung).

Die Idee des Guten an sich ist jedoch über das „Sein an Würde und Kraft hinausragend“ (Politeia 509b). Sie verleiht den anderen Ideen Sinn und ordnet diese. In der Hierarchie der Ideen steht die Idee des Guten über allen anderen Ideen, die wiederum alle gleichrangig sind. Mit dieser Voranstellung der Idee des Guten vollzieht Platon einen Sprung vom Sein zum Sollen. Denn es entwickelt sich aus den vorherigen Annahmen ein Regressproblem. Es lässt sich nämlich nicht daraus ableiten, warum alles so ist wie es ist. Es lässt sich zum Beispiel nicht klären, was vor den Ideen gewesen ist. Doch die Idee des Guten bedeutet eine Notwendigkeit des Seins, die nicht hinterfragt werden kann. Es ergeben sich daraus keine weiteren Fragen. Etwas muss notwendig sein und zwar deswegen, weil es gut ist. Vergleichen lässt sich dieser Vorgang mit der biblischen Schöpfungsgeschichte, bei welcher am Anfang Gott die Welt schuf. Daraus stellt sich die Frage, was war, bevor Gott die Welt schuf. Doch in der Schöpfungstheorie steht am Anfang, Gott sagt, die Welt solle sein. Mit diesem Wechsel vom Sein zum Sollen erledigt sich die Frage, was vor der Schöpfung der Welt gewesen ist. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Idee des Guten, welche einen bestimmenden und ordnenden Charakter hat. Dieses Sollen steht über dem Sein und vermeidet den Regress.

In Platons Höhlengleichnis zeigt sich, dass es eine quantitative Steigerung des Seins gibt. Etwas kann mehr oder weniger seiend sein. So sind die Schatten an der Höhlenwand weniger seiend, als der Baum, der sich dem Aufsteigenden nach Verlassen der Höhle zeigt. Grundsätzlich sind die Ideen immer „mehr seiend“ als die konkreten Gegenstände, die darunter fallen.

Ähnliche Einträge

Sidebar