Immanuel Kants Moralbegriffe und seine Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Schlägt man den Begriff „Moral“ nach, so findet man im Duden eine Definition, laut der Moral die „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden“ (Carstens 2016). Kant jedoch definiert die moralische Handlung bzw. die Moral wie folgt: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein der gute Wille“ (Kant 1785: 15f.).

So beginnt Kant in seinem Werk „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Das bedeutet, dass der gute Wille einen Maßstab für alle menschlichen Eigenschaften bildet und bestimmt, ob diese schlecht oder gut sind. Denn selbst wenn der gute Wille keinen Nutzen hervorbringen würde, wäre er immer noch mit dem Wort „gut“ behaftet. Hier fühlt man sich an den Ausspruch erinnert: „Nur der gute Wille zählt“. Der gute Wille, wird also erst dann als „gut“ verstanden, wenn dieser durch eine Pflicht bestimmt wird. Hierbei unterscheidet Kant, ob eine Handlung „pflichtmäßig“ oder „aus Pflicht“ resultiert. Pflichtmäßiges Handeln bedeutet, dass eine Handlung ausgeführt wird, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen bspw. Genuss, Glück zu generieren usw. Hilft man also bspw. einem bedürftigen Menschen, weil man seinem neuen Partner imponieren möchte, so ist diese Handlung moralisch nicht als gut zu bezeichnen.

Moralisch gut ist jene Handlung, welche aus Pflicht entsteht, ergo die Handlung muss frei von Neigungen, Absichten oder Zwecken sein. Die hier erwähnte Pflicht wiederum, muss einer Achtung des moralischen Sittengesetzes folgen. Es ist wichtig für Kant, dass die Grundlegung zu seinem Moralbegriff in der Metaphysik, von allem Empirischen der Ethik gereinigt ist, denn die Existenz einer solchen „reinen“ Moralphilosophie wird laut ihm an den Sittengesetzen sichtbar.

„[…], daß es von der äußersten Notwendigkeit sei, einmal eine reine Moralphilosophie zu bearbeiten, die von allem, was nur empirisch sein mag und zur Anthropologie gehört, völlig gesäubert wäre; denn daß es eine solche geben müsse, leuchtet von selbst aus der gemeinen Idee der Pflicht und der sittlichen Gesetze ein“ (Kant 1785: 9).

Kant zufolge muss jedem klar sein, dass alle Sittengesetze eine absolute Notwendigkeit in ihrer Existenz mit sich führen, das bedeutet im engeren Sinne, dass sie uneingeschränkt für alle, in Kants Augen, „vernünftige“ Wesen, unter allen Umständen zu gelten haben. Ihre Verbindlichkeit begründet sich nicht in der Empirie, sondern a priori in Begriffen der reinen und nicht empirischen Vernunft. Doch die Empirie brauchen wir ebenfalls um zu lernen, wann moralische Gesetze zur Anwendung kommen sollten und wie wir sie entgegen unseren eigenen Neigungen durchsetzen können.

Kants Untersuchungen der Moral sollten ausschließlich rationaler Natur sein. Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten beschäftigt sich mit der Überschreitung von der normalen, sittlichen Vernunfterkenntnis zur philosophischen. Ein Argument für das Handeln, das Sollen, kann demnach nicht aus dem Sein abgeleitet werden, denn das bedeutet, dass es nicht aus Erfahrung entsteht. Kant zufolge kann Moralität oder das Sollen nicht aus dem Sein hergeleitet werden, weil dieses nur empirisch und bedingt wäre, da es dem Kausalitätsgesetz vollständig unterliegt. Die Moral ist eine unbedingte und strenge, übergreifende Verbindlichkeit. Das moralische Handeln muss befreit von jeglichen Neigungen und ausschließlich auf Vernunft gebaut sein, denn ein moralisches Gesetz trägt eine unausweichliche Notwendigkeit in sich (vgl. Kant 1785: 9f.).

Aus diesen Überlegungen Kants resultiert der kategorische Imperativ. „Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Kant 1785: 53).

Der kategorische Imperativ ist demnach kein inhaltlicher Grundsatz, sondern eine Art Handlungs- und Normenprüfkriterium. Wer erfahren will, ob eine bestimmte Handlung moralisch korrekt ist, muss zunächst ein Gedankenexperiment durchspielen und überprüfen, ob die jeweilige Handlung von den involvierten Betroffenen losgelöst in eine allgemeingültige Regel bzw. Gesetz verwandelt werden könnte und dann beurteilen, ob diese Applikation der Regel gewollt werden könnte. Kant zufolge erkennt man „unmoralisches“ Verhalten an Widersprüchlichkeiten, denn, wenn man beispielsweise aus Egoismus ein Verspechen bricht bzw. nicht einhält, diese Handlung dann zu einer allgemein gültigen Maxime machen würde, wäre die Institution des Versprechens widersinnig geführt, da man einem Versprechen elementar nicht mehr trauen könnte (vgl. Kant 1785: 55).

„Denn die Allgemeinheit eines Gesetzes, daß jeder, nachdem er in Not zu sein glaubt, versprechen könne, was ihm einfällt, mit dem Vorsatz, es nicht zu halten, würde das Versprechen und den Zweck, den man damit haben mag, selbst unmöglich machen, indem niemand glauben würde, daß ihm was versprochen sei, sondern über alle solche Äußerungen als eitles Vorgeben lachen würde“ (Kant 1785: 55f.).

Sehr grob rationalisiert könnte man den kategorischen Imperativ also mit dem Sprichwort der „Goldenen Regel“ vergleichen: „Als goldene Regel pflegt man ein Moralprinzip zu bezeichnen, dessen überlieferte Formulierungen im Allgemeinen auf die Forderungen hinauslaufen, jedermann so zu behandeln, wie man selber an seiner Stelle wünschte behandelt zu werden“ (Hoche 1978: 355).

 

 Literaturverzeichnis:

  • Hoche, Hans-Ulrich (1978): Die Goldene Regel. Neue Aspekte eines alten Moralprinzips. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. S. 272-355.
  • Kant, Immanuel (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Valentiner, Theodor (Hrsg.): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Reclam, Ditzingen.

Quellenverzeichnis:

  • Carstens, Olaf (2016): Online Duden; http://www.duden.de/service/impressum, zuletzt aufgerufen am 07.12.2016

 

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