David Hume(1): Begriffsklarheit als Minimalbedingung für Wahrheit bei der Theorieauslegung

Ziel meiner Arbeit

Für diesen wiki-Artikel habe ich mir drei Ziele gesetzt, 1. Abgestützt auf Hume´s Originaltext, zu beweisen, dass David Hume die Vernunft (reasoning) den Verstandestätigkeiten (acts of understanding) unterordnet, um so auf die fundamentale Bedeutung von Begriffsklarheit bei der Theorie-Auslegung hinzuweisen, 2. Die Bedeutung der wichtigsten Begriffe von David Hume in freier Rede darzustellen, und ihre Verwendung zu erklären, 3. An zwei Musterbeispielen der Erkenntnissuche (beides Originalbeispiele von David Hume), unter Beachtung, von David Hume´s Begriffsfestlegungen, die beiden empfehlenswertesten Erkenntniswege nachzuzeichnen.

1. Beweisschluss, dafür, dass David Hume in seiner Erkenntnistheorie die Vernunftschlüsse (reasoning), den Verstandesaktivitäten (acts of understanding), unterordnet. Und dafür, dass diese außergewöhnliche Bedeutungs-/Rangzuordnung für das Verstehen seiner Erkenntnistheorie, so unabdingbar, wichtig ist, dass er diese Relation der Bedeutsamkeit zueinander eigens in einer zweiseitigen Fußnote definiert hat, und man, daher, unabhängig davon ob man selbst die Vernunft für viel wichtiger hält, seine Erkenntnistheorie, nur unter der Beachtung dieser Hierarchie verstehen kann.

THN I, 1.3.7.5. (Nr. 20) Of the nature of the idea or belief. Herkunft: www.davidhume.org

„We may here take occasion to observe a very remarkable error, which being frequently inculcated in the schools, has become a kind of establish’d maxim, and is universally received by all logicians. This error consists in the vulgar division of the acts of the understanding, into conception, judgment and reasoning, and in the definitions we give of them. Conception is defin’d to be the simple survey of one or more ideas: Judgment to be the separating or uniting of different ideas: Reasoning to be the separating or uniting of different ideas by the interposition of others, which show the relation they bear to each other. But these distinctions and definitions are faulty in very considerable articles. For first, ’tis far from being true, that in every judgment, which we form, we unite two different ideas; since in that proposition, God is, or indeed any other, which regards existence, the idea of existence is no distinct idea, which we unite with that of the object, and which is capable of forming a compound idea by the union. Secondly, As we [SBN 97] can thus form a proposition, which contains only one idea, so we may exert our reason without employing more than two ideas, and without having recourse to a third to serve as a medium betwixt them. We infer a cause immediately from its effect; and this inference is not only a true species of reasoning, but the strongest of all others, and more convincing than when we interpose another idea to connect the two extremes. What we may in general affirm concerning these three acts of the understanding is, that taking them in a proper light, they all resolve themselves into the first, and are nothing but particular ways of conceiving our objects. Whether we consider a single object, or several; whether we dwell on these objects, or run from them to others; and in whatever form or order we survey them, the act of the mind exceeds not a simple conception; and the only remarkable difference, which occurs on this occasion, is, when we join belief to the conception, and are perswaded of the truth of what we conceive. This act of the mind has never yet been explain’d by any philosopher; and therefore I am at liberty to propose my hypothesis concerning it; which is, that ’tis only a strong and steady conception of any idea, and such as approaches in some measure to an immediate impression.“

Hervorgehoben habe ich lediglich, dass im Rahmen von logischen Schlüssen (reasoning), die Deduktion (inference) einzig und allein Vernunftbegründend ist, stärker als jeder andere Schluss, und überzeugender, als eine zusätzliche Prämisse zu bemühen (interpose another idea). Klar wird von der ersten bis zur siebten Zeile (Prämissen-Bildung), und speziell ab, der dreizehnten Zeile (Konklusion), dass er hier auch die Frage, nach: Vernunft oder Verstand; sehr präzise beantwortet. (AV: wer oder was davon, kann mehr, als der andere?). Die Prämissen-Bildung: Die Verstandestätigkeiten (acts of the understanding) haben nach der Ansicht der klassischen Logik drei Aufgaben, das Betrachten (conception) ist definiert als simples Feststellen/Abfragen (simple survey) einer oder mehrerer Ideen, das Beurteilen (judgement) hingegen muss unterschiedliche Ideen trennen (separating) oder vereinigen (uniting) können, der Vernunftschluss (reasoning) muss, unter zu Hilfenahme anderer Ideen (by the interposition of others) unterschiedliche Ideen trennen und vereinigen können, um aufzuzeigen welche Beziehung (relation) sie einander schuldig sind (they bear each other). Hume hält diese Unterscheidungen (distinctions) und Definitionen (definitions), aufgrund vieler, schwerwiegender Einwände für falsch. (AV: are faulty in very considerable articles). Zwischen Zeile 7 und 12 demonstriert er beispielhaft wie fehlerhaft, solche, Syllogismen sind, wenn sie daraus (AV: aus dieser Dreiteilung) hervorgehen. Und er setzt ab Zeile 13 (beginnend) zu seinem eigenen Schluss an. Die Konklusion: Die Unterscheidung in drei Arten des Verstehens  (three acts of the understanding) hält er bei Licht besehen (taking them in a proper light) für falsch, da sie alle drei, das Betrachten (conception), das Beurteilen (judgement) und der Vernunftschluss (reasoning) nur unterschiedliche Arten ein konkretes Problem zu betrachten (nothing but particular ways of conceiving our objects) darstellen, und somit alle in 1 münden (they all resolves themselves into the first => understanding). Und für das Betrachten von konkreten Problemen braucht der handelnde Menschengeist (act of the mind) keine Vorgaben, oder Betrachtungsvorschriften (exceeds not a simple conception). Oft erscheint (occurs) uns der beste Betrachtungswinkel (this occasion, is, when we join belief to the conception) überhaupt erst beim Betrachten selbst (of what we conceive), und wir werden dabei  von der Wahrheit/Richtigkeit überzeugt (are perswaded of the truth). Der Denk-Akt des Geistes selbst (this act of the mind) wurde bisher noch von keinem Philosophen erklärt (never been yet explain´d by any philosopher) und daher, fordert er, die Freiheit in der Methodenwahl (AV: and therefore I am at liberty to propose my hypothesis). Und lässt sich selbst, bei seiner Problem-Beschäftigung nur von der starken, und vertrauenserweckenden Ansicht leiten (´tis only a strong and steady conception of any idea), dass die beste Annäherung/Hypothese (approaches in some measure), genau die ist, die eine unmittelbare Zuversicht ausstrahlt (occurs – …to an immediate impression).

Fazit: Den Menschengeist selbst (act of the mind) hat noch keiner erklärt. Er selbst beschreibt das Ich-Bewusstsein als Summe aller Denkleistungen. Und so lange ihn niemand von einem besseren überzeugt, sind Betrachten (conception), Beurteilen (judgement), und Vernünfteln (reasoning) alle drei nur 1, nämlich, voneinander unterscheidbare Arten der Verstandestätigkeit (acts of understanding), und des Denkens an sich (inference of the mind). David Hume ordnet, die reine (ausschließliche) Vernunft (reasoning), als eine von drei Einzelleistungen unter die Verstandestätigkeiten (acts of understanding) unter, genauso wie das Betrachten (conception), und das Beurteilen (judgement). Alle drei sind nach seiner Ansicht, nichts anderes, als einzelne Typen von Denk-Akten (Teilleistungen des Gehirns). Der Menschengeist insgesamt (all actions of the mind), also alle denkenden Abteilungen des Ich-Bewusstseins, der lässt, sich nicht vorschreiben, wie und womit er zu denken hat. Die stärkste Schlusslogik (Syllogismus), ist die Deduktion (inference) und da alle, bei ihm mitdenken, heißt der stärkste Entschluss (dort wo er gelingt). => Deduktion, oder strenge Ableitung des Geistes (inference of the mind).

2a. Die Bedeutung der wichtigsten Begriffe, von David Hume, in eigenen Worten

Empirie-gestützter Rationalismus = Apriori Vorannahmen (Hypothesen) aufstellen, und Prämissen bilden, und a posteriori, die Ergebnisannahmen auswerten und Theorien bilden. (AV: Rationalismus, wird in wiki-Artikel Nr. 9, zu David Hume, eigens behandelt.)

 inference of the mind = Gesamtschluss des Menschengeistes

actions of the mind = operationale Denk-akte des Menschengeistes

Sinneswahrnehmung = Umwandlung von matters of fact zu impressions

Selbstwahrnehmung = Verknüpfen von impressions mit perceptions

Überzeugung = Verknüpfen mehrerer simple perceptions zu komplexe perceptions

relations of ideas = Verknüpfen von komplexe perceptions mit komplexe perceptions

ideas of belief = Verknüpfen von komplexe perceptions mit relations of ideas

2b. Verantwortlichkeiten, und Arbeitsteilung der inferences/actions of the mind

imagination = Einbildungskraft, also sensation des Ich-Bewusstseins

memory = Gedächtnis, also perceptions, komplexe perceptions und relations of ideas

sensation = gelenkte Aufmerksamkeit des Ich-Bewusstseins

affections = gefühlte Impulswahrnehmungen des Ich-Bewusstseins

passions = heftig gefühlte Impulswahrnehmungen des Ich-Bewusstseins

feelings, emotions = ruhige Gefühle des Unterbewusstseins

understanding = Summe der Verstandesleistungen aus conception, judgement, reasoning

reasoning = Teilleistungsfähigkeit des Verstandes (1 aus drei), spezialisiert auf causation

associations (abstrakt) = Die drei Assoziationsgesetze identity, kontiguity und causation

associations (spezifisch) = die Zuordnung von Verstandeseinzelleistungen, zur jeweiligen Assoziationsaufgabe, judgement zu identity, conception zu kontiguity, reasoning zu causation

collaboration = synchronisierte, und kalibrierte Zusammenarbeit der actions of the mind

3. Zwei Musterbeispiele der Erkenntnissuche (beides Originalbeispiele von David Hume)

Die zwei möglichen Erkenntnisprinzipien: Die Philosophie des Geistes kennt zwei Arten der Erkenntnissuche (EHU, 1, 1ff). Die eine betrachtet den Menschen als zum Handeln geboren, in diesem Handeln durch Geschmack und Gefühl beeinflusst, eine Sache anstrebend (Tugend, Lust, Wohlgefühl), eine andere Sache vermeidend (Laster, Schmerz, Unwohlsein). Diese Art generiert Erkenntnis durch Beobachtung, nennt die Regeln unserer Gefühle, lässt uns Tugend und Laster empfinden, trainiert unsere Herzen für Rechtschaffenheit und Ehre, und sieht darin den Endzweck causa finalis der Bemühungen. Sie wirkt aus sich selbst heraus, erzieherisch, durch die Gewohnheit. => Er plädiert hier, rein nur teleologisch (für das Gute), und ist Erkenntnistheoretisch, für einen Empirie-gestützten Rationalismus. Die andere betrachtet den Menschen eher im Lichte eines vernünftigen als eines tätigen Wesens und bemüht sich mehr seinen Verstand zu bilden, als seine Sitten zu veredeln. Diese Art versucht durch spekulatives Nachdenken und Prüfen die Prinzipien zu finden, die unseren Verstand regeln, unsere Gefühle erregen, und uns dazu veranlassen, ein bestimmtes Ding, eine Handlung oder ein Betragen zu billigen oder zu tadeln. Sie wirkt durch die Einsicht in ihre Imperative, und stellt daher, Gesetze des Handelns auf die das richtige Handeln befehlen, statt jedermann dazu aufzufordern nach der Unterscheidung wahr oder unwahr, Tugend oder Laster, Schönheit oder Hässlichkeit, selbst, das richtige Handeln zu bestimmten. => Er plädiert hier, gegenteilig, also rein nur deontologisch (für das Richtige) und, ist Erkenntnistheoretisch, gegen den rein nur Theorie-gestützten Rationalismus. Methodenvergleich: Er kennt sie alle beide gut, er mag aber, selbst nur Empirie-gestützten Rationalismus. Aber er will, die beiden Arten der Erkenntnissuche miteinander versöhnen (vereinigen), in dem er, die Tiefe der Vernunftüberlegungen (Rationalismus, apriorisch) zu den notwendigen Bedingungen von Klarheit und Wahrheit, mit der Neuheit, und der Evidenz von nachgewiesener Klarheit und Wahrheit (Empirismus, experimentell) verknüpft (EHU, 1, 16ff).

Sein Plädoyer für einen Empirie-gestützten Rationalismus, bedeutet dabei, dass: Apriori, Überlegungen, für ihn sehr wichtig sind denn sie müssen, sorgfältig, die Hypothesen (Vorannahmen) aufstellen, die nach dem Experiment, der Literaturrecherche oder dem Vernunftschluss, dann, später, a posteriori bedeutungsvolle empirische Theorien (Ergebnisannahmen) generieren sollen. Theorie und Empirie, sind also beide unabdingbar notwendig aufeinander angewiesen, und verhalten sich, im Kräfteverhältnis zueinander genau pari-pari. Sie sind in ihren Fähigkeiten (dem Erkenntnispotential) gleichstark, und sie sind, in ihrer Bedeutsamkeit (für den Erkenntniszuwachs) gleichwichtig. Der Ursprung aller Vorstellungen (EHU, 2, 18ff): Die Auffassungsgabe des Geistes erfasst, bei David Hume Sinneswahrnehmungen, und Selbstwahrnehmungen, die ebenso in zwei verschiedene Klassen unterteilt sind, zum einen die sinnlich wahrgenommenen Eindrücke, und zum anderen, die vernunftreflektierten Vorstellungen. Erkenntnisweg 1: Von den matters of fact, zu den wahrgenommenen impressions, und die Assoziation von perceptions, mit impressions oder anderen perceptions, zu den Vorstellungen höherer Ordnung. Erläuterungsbeispiel: Tatsächlicher Sonnenbrand matter of fact bedingt, den gefühlten Schmerz bei tatsächlichem Sonnenbrand, und somit, die wahrgenommene impression. Aber der, zurückerinnerte Schmerz (und Lerneffekt, mehr Sonnenöl) vom, verheilten Sonnenbrand des letzten Jahres generiert die perceptions. Erkenntnisweg 2: Von den aufgenommenen impressions, über imaginations, memories, und sensations, zu den relations of ideas (Lebenserfahrung), zu den komplexe perceptions, und zu den ideas of belief. Erläuterungsbeispiel: Jemand schildert dass er sich, verliebt habe => wahrgenommene impression. Ich erinnere mich memory daran, was die Liebe für mich bedeutet, falls ich sie selbst schon mal erlebt hatte. Die imagination lenkt, durch die affektive Erregung von Aufmerksamkeit sensations, den Menschengeist auf bewusste Kognitionen, und Reflektionen. Ich verstehe kognitiv sehr gut wie es ihm geht. => Ich kann, aber dennoch, sein Verliebt sein dadurch nicht selbst nachempfinden.

Ergebnis: Egal ob perceptions einfach oder komplex sind. Die perceptions erzeugen selbst, keine Affekte, sondern nur die impressions. Die Eindrücke stammen direkt aus der Wahrnehmung und sind, unmittelbar (direkt), stark, und sehr lebhaft. Die zurückerinnerten Vorstellungen, hingegen, sind gemäßigt, schwächer, und merklich affektreduziert. Die wahrgenommenen Eindrücke sind sinnlich, aber die erinnerten Vorstellungen sind vernunftreflektiert. Eine kleine Auswahl, der Wege zu, den relations of ideas = 1. simple impressions, 2. simple perceptions, 3a. understanding, 3b. reasoning und 3c. passions, sowie 4. moral-Sentiments, tabellarisch: 1. Eindrücke impressions erzeugen, direkte, heftige, oder unruhige Gefühle passions. 2. Vorstellungen perceptions sind, indirekte, gezähmte und ruhigere Gefühle feelings, emotions. 3. Leidenschaften passions konkurrieren, mit den Verstandeskräften understanding, reasoning. 4. Ethisch urteilsfähige Gefühle moral-sentiments konkurrieren, hingegen, mit den passions.

Abschlussfragen/und Reflexionswissen (aus diesem Artikel)

1. Wie unterscheiden sich, reasoning, conception und judgement?

2. Wie lauten die, dazugehörigen, drei Assoziationsaufgaben, die zum einen von diesen Verstandestätigkeiten (AV: insgesamt) zu leisten sind, und zum anderen, nur fachspezifisch gelöst werden können?

3. Was unterscheidet, die Sinneswahrnehmung von, der Selbstwahrnehmung?

4. Wie hängen denken, und verstehen zusammen? ; im Gegensatz zu:

5. Wie hängen denken, und fühlen zusammen?

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